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Flitterwochen mit Nebenwirkung: Mein erster Ötztaler Radmarathon
11:13:57 Stunden brutto, 10:36:28 Stunden netto, vier Pässe und die Erkenntnis: Manchmal sucht man sich seine Flitterwochen-Abenteuer selbst aus. Und manchmal fragt man sich unterwegs, warum eigentlich?
Flitterwochen? Ja. Urlaub vom Rennrad? Eher nicht.
Die meisten Menschen stellen sich ihre Flitterwochen wahrscheinlich etwas anders vor: Ausschlafen, gut essen, die Seele baumeln lassen und gemeinsam die Zeit genießen. Und dann gibt es mich, Jan-Lucas, 32 Jahre alt, der sich ausgerechnet in den Flitterwochen eine ganz besondere Herausforderung vorgenommen hat: Den Ötztaler Radmarathon.
227 Kilometer, rund 5.500 Höhenmeter und vier legendäre Alpenpässe. Klingt nach einem entspannten Urlaubstag, oder?
Na ja, vielleicht nicht ganz.
Aber wenn einen der Radsport einmal gepackt hat, dann kommen manchmal eben solche Ideen dabei heraus. Und so stand ich vor meinem ersten Ötztaler Radmarathon. Ein Rennen, das nicht umsonst einen ganz besonderen Ruf genießt und bei dem man ziemlich genau weiß, dass es irgendwann richtig wehtun wird.
Zum Glück hatte ich die beste Unterstützung überhaupt an meiner Seite: Meine Frau Sabrina. Sie hat mich nicht nur bei diesem Vorhaben unterstützt, sondern mir auch in unseren Flitterwochen den Rücken freigehalten, damit ich diesen Traum verwirklichen konnte.
Liebe Sabrina, dafür ein riesengroßes Dankeschön! Es ist alles andere als selbstverständlich, wenn der frischgebackene Ehemann einen Teil der Flitterwochen mit einer solchen Tortur verbringt. Umso mehr weiß ich deine Unterstützung zu schätzen. Ohne dich wäre dieses Abenteuer nur halb so schön gewesen.
3 Helis am Himmel, Kanonenschüsse, Gänsehaut.
Und dann ging es los. Der Ötztaler wartete.
Kühtai – die Passjagd beginnt
Der erste große Gegner des Tages heißt Kühtai. Hier beginnt die quälende Passjagd, und spätestens jetzt wird klar, dass dieser Tag kein gewöhnlicher Radmarathon werden würde.
Doch zunächst läuft alles nach Plan. Die Beine fühlen sich gut an, ich finde meinen Rhythmus und kann den Anstieg ordentlich bewältigen. Kein Drama, keine größeren Probleme – am Kühtai ist noch alles prima!
Genau so hatte ich mir den Start vorgestellt. Natürlich ist mir bewusst, dass ich noch einen verdammt langen Tag vor mir habe. Aber wenn der erste Pass gut läuft, gibt das Selbstvertrauen. Und davon kann man beim Ötztaler bekanntlich jede Menge gebrauchen.
Oben angekommen ist die erste große Hürde geschafft. Kurz durchatmen, weiter geht's. Schließlich stehen noch drei weitere Pässe auf dem Programm.
Innsbruck – und plötzlich steht Kevin da!
Auch die Fahrt durch Innsbruck läuft richtig gut. Ich bin weiterhin gut unterwegs und kann mich auf die Strecke konzentrieren. Doch dann wartet eine Überraschung, auf die ich zwar gehofft hatte, aber die mich trotzdem besonders freut. Am Streckenrand steht Kevin, ein Arbeitskollege von mir.
Und der hat sich nicht einfach mal eben ins Auto gesetzt und ist um die Ecke gefahren. Nein, Kevin hat eine Reise von über 500 Kilometern auf sich genommen, um mich bei meinem ersten Ötztaler zu unterstützen!
Ganz ehrlich: Das ist schon eine Ansage.
Bei einem Rennen, das sich über Stunden zieht und bei dem man irgendwann vor allem mit sich selbst beschäftigt ist, bedeutet ein bekanntes Gesicht am Straßenrand unglaublich viel. Ein Zuruf, ein kurzer Motivationsschub und das Wissen, dass jemand extra für einen da ist – solche Momente bleiben hängen.
Kevin, vielen Dank für diesen Support und die Wahnsinnsaktion! Die 500 Kilometer Anreise waren definitiv nicht selbstverständlich.
Mit diesem Motivationsschub geht es weiter. Bis hierhin passt alles, die Beine machen mit und ich bin guter Dinge. Doch die Alpen haben noch ein paar Überraschungen für mich vorbereitet.
Brenner – gefundenes Fressen für den Windschatten
Am Brenner finde ich schließlich eine richtig gute Gruppe. Und plötzlich läuft es noch einmal deutlich besser.
Gemeinsam fahren, sich im Windschatten verstecken und Kilometer für Kilometer abspulen – genau so macht das ganze Spaß! Nach dem ersten Pass und der Fahrt durch Innsbruck ist das ein wichtiger Moment im Rennen. Mit einer passenden Gruppe lässt sich Kraft sparen, und die Strecke läuft gefühlt deutlich leichter unter den Rädern hindurch.
Ich kann mich gut einordnen und profitiere vom gemeinsamen Tempo. Der Plan scheint aufzugehen: Kräfte einteilen, nicht überziehen und möglichst viel Energie für die späteren Anstiege aufbewahren.
Denn im Hinterkopf weiß ich natürlich, dass das dicke Ende noch kommen könnte.
Der Brenner ist geschafft, die Gruppe funktioniert und die Stimmung passt. Bis hierhin läuft mein erster Ötztaler wirklich nach Wunsch.
Doch dann kommt der Jaufenpass …
Jaufenpass – 15 Watt zu viel sind eben auch 15 Watt zu viel
Tja, was soll ich sagen? Hier muss ich mir selbst an die Nase fassen.
Der Jaufenpass steht an, und eigentlich gibt es einen Plan. Ich weiß, wie ich meine Kräfte einteilen möchte und mit welcher Leistung ich den Berg angehen sollte. Schließlich wartet danach noch das Timmelsjoch – und das ist bekanntlich kein Hügel, den man mal eben nebenbei mitnimmt.
Aber wie das im Rennen manchmal so ist: Man fühlt sich gut, die Beine funktionieren und irgendwie läuft es gerade. Also drückt man ein bisschen mehr.
Und ein bisschen mehr.
Und noch ein bisschen mehr.
Am Ende fahre ich den Jaufenpass mit 15 Watt mehr als geplant. Fünfzehn Watt. Das klingt zunächst vielleicht nicht nach besonders viel, aber wenn man einen langen Radmarathon mit vier Pässen fährt, sollte man eigentlich wissen, dass jeder zusätzliche Einsatz irgendwann bezahlt werden muss.
Ich habe mich verzockt.
Der Jaufenpass läuft zwar, aber ich investiere mehr Körner als vorgesehen. Im Eifer des Gefechts scheint das noch eine gute Idee zu sein. Schließlich will man vorankommen und fühlt sich stark genug.
Nur hat der Ötztaler seine eigene Art, solche Entscheidungen später noch einmal zu kommentieren. Und mein persönlicher Kommentator heißt Timmelsjoch.
Timmelsjoch – willkommen im persönlichen Leidensbereich
Nach dem Jaufenpass kommt das Timmelsjoch. Und spätestens jetzt wird aus einem bis dahin ordentlich laufenden Rennen eine echte Leidensgeschichte. Hier beginnt das Leiden.
Die Beine haben bereits viele Höhenmeter gesammelt, und die zusätzlichen Watt vom Jaufenpass machen sich nun bemerkbar. Was vorher noch gut funktioniert hat, wird plötzlich deutlich härter. Der Berg zieht sich, die Anstrengung steigt und die Euphorie der ersten Rennhälfte ist endgültig verflogen.
Jetzt gibt es keine Diskussionen mehr mit dem eigenen Ego. Keine taktischen Überlegungen darüber, ob man noch ein bisschen schneller fahren könnte. Jetzt geht es darum, weiterzumachen.
Kurbelumdrehung für Kurbelumdrehung.
Der Ötztaler zeigt mir in diesem Moment ziemlich deutlich, warum er so gefürchtet ist. Man kann die Strecke planen, Trainingsdaten auswerten und sich eine Strategie zurechtlegen. Doch am Ende muss man diese Strategie auch umsetzen. Und wenn man am vorletzten großen Anstieg etwas zu großzügig mit seinen Kräften umgegangen ist, bekommt man die Quittung.
Ich muss mich durchbeißen. Der Kopf muss übernehmen, wenn die Beine nicht mehr so wollen wie am Morgen.
Und trotzdem: Ich bin hier, weil ich genau diese Herausforderung gesucht habe. Ich wollte meinen ersten Ötztaler fahren. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, diese legendären Berge aus eigener Kraft zu bewältigen. Also gibt es nur eine Option: Weiterfahren.
Der Gipfel kommt nicht schneller, wenn man sich über die Steigung beschwert. Aber jeder Meter bringt mich näher ans Ziel. Und irgendwann ist auch das Timmelsjoch bezwungen. Was für ein Gefühl! Ich genieße die Abfahrt - vom Timmelsjoch runter nach Sölden. Dann ist es geschafft.
Im Ziel muss ich selbst erstmal realisieren, was da hinter mir liegt. Glücksgefühle und Überwältigung. Und drei Gesichter, die mich besonders fesseln. Meine Arbeitskollegen Kevin, Justus (der ebenfalls heute im Sattel saß) … und meine Frau
11:13:57 Stunden – der Ötztaler ist geschafft!
Nach 227 Kilometern und rund 5.500 Höhenmetern ist es vollbracht. Mein erster Ötztaler Radmarathon liegt hinter mir.
Die Uhr bleibt bei folgenden Zeiten stehen:
- Bruttozeit: 11:13:57 Stunden
- Nettozeit: 10:36:28 Stunden
Zwei Zahlen, hinter denen ein verdammt langer Tag steckt.
Ein Tag, der am Kühtai noch ziemlich entspannt begann. Ein Tag mit einer tollen Begegnung in Innsbruck, als Kevin nach über 500 Kilometern Anreise am Streckenrand stand. Ein Tag, an dem ich am Brenner die richtige Gruppe fand und mich am Jaufenpass mit meinen zusätzlichen 15 Watt ein wenig verzockte.
Und ein Tag, an dem mich das Timmelsjoch schließlich daran erinnerte, dass man die Rechnung im Radsport manchmal erst ganz am Ende bekommt.
Aber ich habe sie bezahlt. Ich bin durchgekommen. Ich habe meinen ersten Ötztaler gemeistert!
Natürlich sind die Zeiten ein schöner Abschluss. Aber wenn ich an dieses Rennen zurückdenke, werde ich mich nicht nur an die Uhr erinnern. Ich werde an die Momente denken, an die Menschen, die mich unterstützt haben, und an das Gefühl, diese gewaltige Herausforderung tatsächlich geschafft zu haben.
Und ganz besonders werde ich an meine Frau denken, die mich in unseren Flitterwochen bei diesem Vorhaben unterstützt hat. Danke, dass du mir diesen Traum ermöglicht hast und bei diesem etwas verrückten Abenteuer an meiner Seite warst.
Wenn ich eines aus diesem Tag mitnehme, dann ist es die Erkenntnis, dass ein solcher Radmarathon weit mehr ist als eine sportliche Leistung.
Er ist ein Wechselspiel aus Planung und Realität, aus Euphorie und Leid, aus klugen Entscheidungen und kleinen Fehlern. Manchmal läuft alles genau so, wie man es sich vorgestellt hat. Und manchmal sind es eben 15 Watt zu viel, die einem später wieder einfallen.
Aber genau das macht solche Herausforderungen aus.
Ich bin als Jan-Lucas, 32 Jahre alt, zu meinem ersten Ötztaler Radmarathon gestartet. Ich habe die vier Pässe erlebt, mich durch die schwierigen Momente gekämpft und nach 10:36:28 Stunden Nettofahrzeit das geschafft, worauf ich hingearbeitet hatte.
Der Ötztaler Radmarathon war mein Lebensraum – und ich habe ihn gemeistert.
Und das Ganze auch noch in meinen Flitterwochen.
Sabrina, danke für deine unglaubliche Unterstützung. Kevin, danke für die mehr als 500 Kilometer Anreise und den Support in Innsbruck, aber auch an alle die an mich gedacht haben oder mich verfolgt haben. Die Nachrichten nach dem Rennen waren unfassbar und danke an diesen besonderen Sport, der einen manchmal ordentlich leiden lässt, einem dafür aber Erinnerungen schenkt, die bleiben.
Mein erster Ötztaler ist Geschichte. Die Passjagd ist beendet. Die Beine dürfen sich erholen.
Und ob ich irgendwann noch einmal an der Startlinie stehen werde?
Sagen wir es so: Nach diesem Tag weiß ich zumindest, warum der Ötztaler so viele Radsportler nicht mehr loslässt.
Einmal Ötztaler, immer Ötztaler? Na, schauen wir mal! 😉
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